KISLING / #bluecollaravantgarde

Radio Maria @ Baustellenbeschallung 13.12.2017 19:00-21:00

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#bluecollaravantgarde

Michaela Kisling
baustellenbeschallung.wordpress.com/

Michaela Kislings Kunst und Musik werden durch eine kuratorische Aktivität, bzw. kollektive Kulturarbeit ergänzt. 2016 gründete sie gemeinsam mit zwei Kolleg*innen einen Projektraum in der Schönbrunner Straße 6, 1050 Wien. Als offener Raum für Musik galt hier über zwei Jahre KISLINGs Interesse den feinen Verästelungen des Wiener Undergrounds.

Wer unter dem recht nüchternen Titel ihrer Veranstaltungsreihe Baustellenbeschallung einen geheimen proletarischen Musikclub erwartet, liegt nicht ganz falsch. Als ‚Blue-Collar-Avantgarde‘ lassen sich die Künstler*innen jener experimentellen Noise- und Electro-Szene tatsächlich zusammenfassen, denen KISLING hier Raum gegeben hat. Es ist eine Szene, die sich den Hülsen einer Repräsentationsästhetik widersetzt und eigene, im Tun situierte Formate entwickelt. Für analog-synthetische Klänge, Software-gestützte Modulationen, gesprochenen Text, Vocals und Harsh Noise wurde hier ein offenes Experimentierfeld geschaffen.

KISLINGs Motivation war es, eine heterogene Gemeinschaftsstruktur zu schaffen, die in den Künstler*innen ein Bewusstsein als Kollektiv fördert sowie eine Sensibilität in der Zusammenarbeit mit Frauen der Szene lebt (Safe Spaces). Ziel war es, Akteur*innen im Zugang zu einem Netzwerk und Equipment zu unterstützen. Als eine Art White Canvas diente der minimal eingerichtete Ladenraum 2016–2018 einer post-digitalen Wohnzimmerkultur, deren Welt sich durch Software und Sound Sampler ab 120 BPM auflöst.

Auf mehrfache Weise falteten sich hier ästhetische Diskurse der Club Kultur auf, in denen Format und Habitus durch die künstlerische Praxis analysiert und verworfen wurden: Orthodoxe Aufführungshierarchien waren aufgelöst; Es bildete sich ein Kreis gleichberechtigter Akteur*innen; Jeder künstlerische, wie auch nicht-künstlerische Ausdruck war gleichwertig; Subjektivität verschmolz in synthetischen Soundscapes und löste sich im Dunst der Zigaretten und Nebelmaschine auf.

Ohne den Formalismus bestimmender Genrebezeichnungen entstand so eine Bild lose Non-Ästhetik, die eine klingende Matrix erschuf, um aus Untergangsphantasien neue postapokalyptische Fiktionen zu entwerfen.

#bluecollaravantgarde #cablesinhaze #deconstructionculture #doomism

© Lona Gaikis 2020