Doppelleben – Bildende Künstler:innen machen Musik
Die Ausstellung Doppelleben rückt bildende Künstler*innen in den Fokus, die Musik geschrieben, produziert oder öffentlich aufgeführt haben beziehungsweise Mitglieder von Künstler*innenbands waren oder sind. Dabei wird im mumok ausschließlich Musik „ausgestellt“: Großformatig projizierte Videos von Konzert- und Studioauftritten vermitteln das Gefühl, live dabei zu sein, und machen gleichzeitig die Bedeutung der unterschiedlich inszenierten Performancesituationen anschaulich.
Juni 2018 – 11. November 2018.
mumok | Museum moderner Kunst Wien
Curated by Eva Badura-Triska und Edek Bartz.
Link zur Ausstellungsdokumentation:
Doppelleben – Bildende Künstler:innen machen Musik
Folgender Textbeitrag für den Onlinekatalog der Ausstellung ist in Originalfassung.
Laurie Anderson
Geboren 1947 in Glen Ellyn, Illinois.
Studium der Kunstgeschichte am Barnard College, New York.
1972 Abschluss Master of Fine Arts mit Schwerpunkt Skulptur an der Columbia University in New York. Studium bei Sol LeWitt und Carl Andre.
1977 Entwicklung des Viofonografen sowie zahlreicher weiterer Experimente mit Sound.
Zusammenarbeiten mit William S. Burroughs, Peter Gabriel, John Cage und Philip Glass i. A.
Seit 1995 mit Lou Reed liiert, Heirat 2008.
2004 war Laurie Anderson die erste Künstlerin des Artist in Residency Programms der NASA.
Zur Künstlerin
Als Medien- und Musikpionierin wurde die Performance-Künstlerin, Erfinderin und Poetin Laurie Anderson bereits in den 1970er-Jahren zu einer bedeutenden Figur der US-amerikanischen Nachkriegsavantgarde. Neben der Erfindung neuartiger Instrumente der elektronischen Musik, wie dem Viofonografen (1977) oder dem Vocoder (1981), den sie in späteren Performances immer wieder zur Verfremdung ihrer Stimme nutzte, um damit mit Geschlechterrollen zu kokettieren, experimentiert sie bildnerisch und klanglich mit Text, Bild, Körper und Technologie. Trotz des starken Einflusses neuer Technologien – vor allem in aufwendigen Bühnenshows mit großflächigen und multiplen Projektionen – bleibt Anderson der Techno-Affirmation verhalten gegenüber. So verheißungsvoll die kybernetische Utopie (Verschmelzung von Mensch und Maschine) auch scheinen mag, sollten sich ihm die Bedürfnisse des Lebens und der Sinnlichkeit nicht unterwerfen.
Bildnerisches Werk
Die Grenzen zwischen visueller und Klangwelt sind in Laurie Andersons Œuvre nicht ganz einfach zu ziehen. Obwohl die Musik den Schwerpunkt ihrer Arbeit bildet, artikuliert sich die Künstlerin auch als Malerin, Filmemacherin und in der Skulptur. Diese Einflüsse finden sich wiederum in Bühnendesigns für Performances oder der jüngsten Virtual Reality Installation The Chalkroom (2017), wodurch sie immer wieder eine Spannung zwischen Technologie und ästhetischer Praxis erzeugen vermag.
Inhaltlich greift Anderson auf Erlebnisse ihres kosmopolitischen Lebens zurück, die sie humorvoll und allegorisch verarbeitet, in dem sie sich selbst in ihrer Umwelt reflektiert. Ihre Sujets zeigen politische und gesellschaftskritische Themen sowie Kritik an sozialen Hierarchien, die sie gerade in Bezug auf Geschlechterrollen hinterfragt.
Der maschinelle Fortschritt und die daraus gewachsene Computertechnologie füttern die Techno-Avantgarde seit der industrialisierten Moderne mit Visionen einer Verschmelzung von Mensch und Maschine. Den brutalen Fortschrittsglauben dieser Kybernetiker fordert Anderson jedoch mit der Offenlegung der Verwundbarkeit dieses technologischen Ideals heraus. Der Wirkbereich der Medienkünstlerin, die die Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft so versiert zu verschmelzen vermag, plädiert für eine konsequent menschliche Rezeption neuer technologischer Möglichkeiten und verweist auf die bedingungslose Notwendigkeit des Menschen in der Techno-Utopie.
Die Installation Headphone Table aus dem Jahr 1978 involviert den Körper der Betrachter_innen in ein spezifisches Klangerlebnis und eine partizipative Skulptur. Mittels zweier Übertragungsflächen, die jeweils am Kopfende eines Tisches eingelassen sind, werden Schallwellen über die Unterarmknochen und die Handflächen ins Ohr übertragen. Laurie Anderson verweist damit auf den Resonanzkörper des menschlichen Skeletts, dessen Bedeutung allzu oft in der Rezeption von Klang außer Acht gelassen wird. An beiden Tischenden sind je zwei Aufnahmen zu hören: eine Gesangsaufnahme und eine Musikaufnahme.
Laurie Andersons intermedialer Ansatz und ihre Affinität für technische Spielereien verdeutlicht ihr jüngstes Projekt The Chalkroom (2017), das sie mit dem chinesischen Medienkünstler Hsin-Chien Huang realisierte. Eine virtuelle Animation ermöglicht die Erkundung einer parallelen Sprach-, Bild- und Klangwirklichkeit. Gerade hier zeigt Anderson ihre bildnerischen Fertigkeiten, denn die schwarz-weißen Zeichnungen gehen auf ihren Stil als Malerin zurück.
Musik
Laurie Andersons Installationen und Performances flektieren die Technoscience und ihre transhumanistischen Versprechungen, in dem sie deren Konventionen hinterfragt. Als Techno-Dissidentin interpretiert sie die Werkzeuge, die ihr als Musikerin zur Verfügung stehen, neu und hat sich gerade am Beginn ihrer Karriere an der Form klassischer Instrumente abgearbeitet. Ihre bereits sehr frühen Kontakte zu den Ikonen der neuen Musik wie John Cage oder Philip Glass inspirierten sie weniger zu avantgardistischen Neuschöpfungen, als zu Adaptionen und Updates traditioneller Formen.
Durch Montageverfahren und den Transfer einzelner Elemente gelangte sie zur Erfindung des Viofonografen, einer Violine mit Abtastkopf am Steg sowie eingebauter Aufnahmefunktion, die durch einen mit Magnetband gespannten Geigenbogen zu einer Art Palindrom-Maschine wird. Stimm- und Klangaufnahmen können mit jedem Strich vorwärts und rückwärts abgespielt werden.
Andersons kompositorische Praxis artikuliert sich dennoch weniger in klassischer Manier, sondern als Re-mixerin der Sounds ihrer Umgebung und poetischen Fragmenten ihrer Sprechakte. Zwar ist ihr Selbstverständnis als musikalische Innovatorin als „Rache an der klassischen Tradition“ (Anderson 2003, S. 30) zu verstehen. Jedoch setzt sie nicht das Erbe zerstörerischer Gesten, modernistischer Avantgarden und späterer Techno-Pioniere fort. Sie sucht das Neue durch Veränderung und Variation, statt des Bruchs und der Zerschlagung traditioneller Formen.
Laurie Anderson, O Superman (1981)
Die Gefahren eines globalisierenden Techno-Humanismus thematisiert Laurie Anderson in der Veröffentlichung O Superman aus dem Jahr 1981. Als Track auf ihrem Debütalbum Big Science (1982) kommt ihre Hybridität zwischen Wissenschaft und Kunst deutlich zutage.
In einer Mischung aus Pop-Musik, Video, Informationsclip und prophetischem Orakel besingt sie ihr Heimatland, die Vereinigten Staaten von Amerika, und dessen technologischen und geopolitischen Eroberungszug. Überraschenderweise tut sie dies über die buchstäbliche Anrufung von „Mom“ und „Dad“ (Mutter und Vater), wohl als Allegorie auf Vaterland und Muttersprache.
Laurie Anderson aspiriert zu einen kritischen Geist gegenüber der Ausweitung imperialer Machtinteressen durch Gewalt. Jedoch gibt sie ihm nicht nach und stellt der gewaltsamen Übernahme der Welt durch Recht und Ordnung die letztliche Hegemonie der Erde gegenüber.
‘Cause when love is gone, there’s always justice.
And when justice is gone, there’s always force.
And when force is gone, there’s always Mom. Hi Mom!
Die Mutter ist ebenso Mother Earth (Mutter Erde), aus der alle unsere Utopien erwachsen und die Menschen, solange sie existiert, mit ihren verschiedenartigen Armen umspannen wird.
Quellen
Anderson, Laurie. Laurie Anderson Interview: A Virtual Reality of Stories, 2017. https://vimeo.com/233785242.
Anderson, Laurie. The Record of Time: Sound in the Work of Laurie Anderson (Düsseldorf: museum kunst palast, 2003).
Anderson, Laurie. United States I-IV (Duisburg: TRIKONT, 1984).
Harrasser, Karin. ‘Switched-On Vulnerablility: Designability, Gender, and Technology with Laurie Anderson and Wendy Carlos’, in Artists as Inventors. Inventors as Artists, Hsg. Dieter Daniels und Babara U. Schmidt (Ostfildern: Hatje Cantz, 2008), 196–207.
Moser, Sibylle. Mediales Embodiment. Medienbeobachtung mit Laurie Anderson (München: Fink, 2010).
Thomsen, Christian W. ‘Laurie Anderson: High-Tech Alice Im Multi-Medialand Der Performance Kunst’, in Hybridkultur. Medien Netze Künste, Hsg. Irmela Schneider and Christian W. Thomsen (Köln: Wienand, 1997), 208–26.
Weir, Harley. ‘Fables of Reconstruction. Interview with Laurie Anderson’, WIRE 412, June 2018, 43–46.
— Lona Gaikis, 2018



