Doppelleben – Bildende Künstler:innen machen Musik
Die Ausstellung Doppelleben rückt bildende Künstler*innen in den Fokus, die Musik geschrieben, produziert oder öffentlich aufgeführt haben beziehungsweise Mitglieder von Künstler*innenbands waren oder sind. Dabei wird im mumok ausschließlich Musik „ausgestellt“: Großformatig projizierte Videos von Konzert- und Studioauftritten vermitteln das Gefühl, live dabei zu sein, und machen gleichzeitig die Bedeutung der unterschiedlich inszenierten Performancesituationen anschaulich.
Juni 2018 – 11. November 2018.
mumok | Museum moderner Kunst Wien
Curated by Eva Badura-Triska und Edek Bartz.
Link zur Ausstellungsdokumentation:
Doppelleben – Bildende Künstler:innen machen Musik
Folgender Textbeitrag für den Onlinekatalog der Ausstellung ist in Originalfassung.
Thomas Zipp / DA EAT
1966 in Heppenheim.
1992–1998 Kunststudium an der Städelschule Frankfurt sowie an der Slade School in London.
Seit 2008 Professor für Malerei und Multimedia an der Universität der Künste Berlin.
2005–2007 Gastprofessor für Malerei an der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe.
2013–2014 Gastprofessor an der Universität für Angewandte Kunst Wien.
2026 Verstorben.
Bildnerisches Werk
Der Maler, Bildhauer und Videokünstler Thomas Zipp begann seine künstlerische Karriere zunächst als Musiker. Mit dem Kunststudium bei Thomas Bayrle weitete er Mitte der 1990er Jahre sein Interesse auf die bildende Kunst aus.
Seine Werkserien stehen thematisch jeweils stark in Bezug zueinander, sodass man von Thomas Zipp nicht nur als Maler sprechen kann, sondern ihn als Installationskünstler rezipieren muss, der Einblicke in gänzlich obskure Wirklichkeiten erschafft.
Zwar zeigt Zipp hauptsächlich Bilder, bettet diese meist in größere Narrative ein, die bisweilen wilde Psycho-Fiktionen darstellen oder aber absurde und unheimliche Welten des Unterbewussten offenlegen. Das Erzählen ist für Thomas Zipp dabei ganz zentral und in der Entwicklung seiner Narrative und ihrer inhaltlichen Erforschung bedient er sich Zitaten aus Literatur, Film oder Musik sowie Bildmaterial aus historischen Medienarchiven. Als Künstler der Post-Post-Moderne spielt er mit dem Paradigma des Anything Goes und spinnt es noch weiter bis hin zur prophetischen Vision sogar Horrorphantasie, die zwischen Drogenrausch und Wahnvorstellung changiert.
So kokettiert sein Œuvre mit Elementen der Art Brut und Vorstellungswelten psychisch Kranker, denn es sind ähnlich bizarre Weltverschwörungen im Gange oder übersinnliche Halluzinationen darin zu entdecken.
Besonders obskur erscheinen Werkkomplexe wie World Kantzler Office (2004) („Kantzler“) oder The World’s most complete Congress of Ritatin [sic!] Treatments (2011) – einerseits düstere Weltherrschaftsphantasie und religiös-psychotische Dystopie –, die beide im Geist eines Gesamtkunstwerks inszeniert sind. Der deutsche Künstler Thomas Zipp verweist in seinen künstlerischen Schaustücken auch auf finstere Seiten der Geistesgeschichte und den verbleibenden Spuk – auch in der deutschen Nachkriegsmoderne.

Thomas Zipps Weltentwürfe zitieren zwar die Vergangenheit und vor allem grenzwertige Formen aus dem kulturellen und geistigen Sediment, möchten aber die Psyche von ihren apokalyptischen Hirngespinsten erlösen. Die Überschreitung wird zur Austreibung und das (Schau-)Spiel, das als performatives und partizipatives Moment immer wieder in den Arbeiten auftaucht, mutet einer okkulten Praxis an, die im Schein-Spiel durchaus geistige Heilung sucht.
Die Installation The World’s most complete Congress of Ritatin Treatments (2011) zeigt ein Labor oder psychiatrische Einrichtung als sakralen Raum, in dem maskierte Darstellerinnen eine rituelle Behandlung durchführen. Was zunächst wie ein medizinisch grotesker Psychiatriebesuch anmutet, wird durch die Übersteigerung zum spirituellen Erlebnis – erzeugt durch die Einbettung in eine musikalisch-performative Form und sakralem Setting auf Kirchbänken – zum Auslöser einer ekstatischen Empfindung.
Zipps Traum- oder Horrorphantasien referenzieren den Surrealismus in beschleunigter Form, sie fordern die Zukunft jetzt und konfrontieren die/den Betrachter*in mit Ver- und Entrücktheiten, die man sich nur in der intimen Auseinandersetzung der Kunst wünscht, aber nicht real werden sollen.
Musik
Den Zugang zur Kunst fand Thomas Zipp erst durch die Musik und obwohl er vermutlich mehr Aufmerksamkeit als bildender Künstler erlangt hat, ist seine Aktivität als Musiker von nicht weniger Bedeutung.
Anfang der 1980er schloss er sich als Schlagzeuger mit Schulfreunden zur Punkband The Swunk zusammen, die bis 1996 aktiv durch Europa tourten und eigenproduzierte Schallplatten und Musikkassetten veröffentlichten (The Swunk: Everything is Gone [1993]). Mit dem Tod des Gründungsmitglieds Emanuel Vatter fand die Band jedoch ein jähes Ende.
Zwar beendete Thomas Zipp seine professionelle Musikerkarriere, die Musik spielt in vielen seiner Installationen aber immer noch eine wichtige Rolle. Inszenierte Performances beziehen oft ein Band-Set-up ein, aber auch in Klanginstallationen schimmern experimentelle Ansätze zur Klang- und Musikerzeugung durch. So entwickelte er jüngst in der Ausstellung ICH ist eine EGO-Maschine (2016/17) der Erste-Stiftung München eine auf dem Magnetismus menschlicher Körper beruhende Rauminstallation, die Bewegungen in ihrem Feld aufzeichnet und in Klang umwandelt.
DA EAT
Trotz des, dass Thomas Zipps Ambitionen zum Musiker, der künstlerischen Performance beziehungsweise installativ-klanglichen Auseinandersetzung mit Sound zurückwichen, gibt er die Bandsessions mit alten Schulfreunden nicht auf. So sehr sind sie durch die gemeinsame Zeit und ihre Erlebnisse verbunden, was den Charakter der Musik als gemeinschaftsstiftendes Medium unter Beweis stellt.
Im Rahmen seiner Einzelausstellung 2012 im Kunstverein Oldenburg gaben Thomas Zipp, Stefan Pilger, Mattias Vatter und Phillip Zaiser unter dem neuen Namen „DA EAT“ ein Konzert in seiner Ausstellung. Merklich genießt es die Konstellation von befreundeten und vertrauten Musikern, gemeinsam vor dem Kunstpublikum zu spielen und musikalisch zu improvisieren. Thomas Zipp, Schlagzeuger der Band, gibt die rhythmische Grundlage und das Tempo vor. In Tradition des deutschen Progressive-Rocks mäandert ihr Sound zwischen Rock und psychedelischen Momenten und eröffnet damit Bezüge zum Krautrock der 1960/70er Jahre, der gerade im süddeutschen Raum – Zipps Geburtsstadt Heppenheim liegt nahe dem Avantgardezentrum Darmstadt – seine Spuren hinterließ.
Quellen
Zipp, Thomas (Künstler), und Veit Loers (Autor). The World’s Most Complete Congress of Ritatin Treatments, Hg. Veit Loers (Innsbruck: Kerber, 2011).
Zdenek, Felix. Die andere Seite, Hg. Raum für Kunst KAI 10 (Düsseldorf: Kerber, 2009).
Loers, Veit, Hg. Psychonauten. Kunst in Ekstase (Köln: Walther König, 2008).
— Lona Gaikis, 2018


