SPURENSUCHE: LANGER UND DER WIENER KREIS

TRACING TRAILS:
SUSANNE K. LANGER AND THE VIENNA CIRCLE

This research project sheds light on the transatlantic connections between the American logician Susanne K. Langer and her colleagues from the Vienna Circle.

German.

Forschungsdauer: 01.01.2024-30.06.2024.
Fachgebiet: Philosophiegeschichte, Wiener Kreis, Frauen in der Philosophie.
Archivarbeit am Institut Wiener Kreis der Universität Wien und im Nachlass von Eugen T. Gadol in der ÖNB, Wien.

Die amerikanische Logikerin und Kunstphilosophin Susanne K. Langer (1895–1985) ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie widmete ihre philosophische Arbeit der Sprachphilosophie und Mathematik, hatte aber eine noch stärker ausgeprägte Neugierde für die Analyse und Bedeutung der Künste. Die vielversprechende Logikerin, die mehr als fünfzig Jahre lang durchgehend an ihrer Philosophie arbeitete, galt neben ihren Kollegen Abraham Kaplan und Charles Morris als eine der „bedeutendsten amerikanischen Theoretiker[*innen] der semantischen Schule.“[1] Spuren ihres philosophischen Erbes sind jedoch eher spärlich. Die sprichwörtlich unbesungene Philosophin (unsung philosopher[2]), deren Buch Philosophy in a New Key (1941) – seinerzeit ein Bestseller in populären und akademischen Kreisen – ist noch erstaunlich wenig erforscht.

Langer war eine Frau in einem Männer-dominierten Feld. Sie war ambitioniert und scheute keine philosophische Auseinandersetzung. Während ihre männlichen Kollegen im Vordergrund standen, blieb Langers Symboltheorie weithin unbeachtet und wurde bisweilen völlig falsch dargestellt.[3] Dies lag nicht nur an ihrem Geschlecht und der Tatsache, dass der Begriff „Feeling“, als Gefühl oder Empfindung, der zentral, für ihre Theorie war, große Missverständnisse hervorrief. Auch ihre Hybridität zwischen der sogenannten kontinentalen und analytischen Philosophie schien sie mit keiner der gängigen Schulen ihrer Zeit in Einklang zu bringen.

Langers philosophische Untersuchungen waren ganz erheblich von der damals neu formulierten Forderung nach einer eigenständigen Disziplin der logischen Analyse beeinflusst. Während ihre amerikanischen Kollegen die analytische Philosophie in Richtung des Positivismus weiterentwickelten, erweist sich Langers semiologischer Ansatz als nuancierter und im Rückblick fast schon entschlossener. Sie hielt nämlich an einer strikten Interdisziplinarität fest und zielte darauf ab, auch den Künsten eine eigenständige erkenntnistheoretische Bedeutung beizumessen. Deren Ausdrucksformen waren in ihren Augen eine semiologische Klasse für sich, die die diskursive Formen der Sprache, wissenschaftlicher Symbole und der Mathematik ergänzte. Um diese Klasse darzustellen, schlug Langer die präsentative Form (presentational form) des Kunst-Symbols (art symbol) vor.

Als Nachfahrin deutscher Auswanderer des 19. Jahrhunderts war Langers Studium von Beginn an von ihrer Zweisprachigkeit in Deutsch und Englisch geprägt. Hierdurch erschlossen sich ihr nicht nur die Strömung des deutschen Idealismus, insbesondere des Neukantianismus, der Phänomenologie und der Ästhetik. Sie war auch mit den Ideen des logischen Empirismus vertraut und hatte ihren US-Kolleg*innen den Vorsprung voraus, alle deutschsprachigen Werke vor ihrer Übersetzung im Original lesen zu können. Als eine der ersten Philosoph*innen in den USA beschäftigte sie sich eingehend mit den frühen Texten Wittgensteins und bezog sich auf seinen Begriff der Projektion, um ihn für die logische Form der Künste fruchtbar zu machen.[4] Sie hat als Übersetzerin von Cassirers Sprache und Mythos (1925) (Language and Myth, 1946) den im Exil lebenden Philosophen den akademischen Kreisen der USA nähergebracht. In ihrem ersten Buch Philosophy in a New Key kommen sowohl Wittgenstein als auch Carnap an weiteren zentralen Stellen ihrer Theorie vor.[5] Zahlreiche dokumentierte persönliche Verflechtungen[6] deuten auf einen regen Austausch der Philosophin mit ihren europäischen Kolleg*innen hin.

Susanne K. Langer erweist sich tatsächlich als eine ganz zentrale Figur der philosophischen Bewegung, die anfangs noch als „Phänomenologie der Bedeutung“[7] bezeichnet wurde und sich später, als analytische Philosophie durchsetzen sollte. Nimmt man Langers Leben und Werk genauer unter die Lupe, so offenbaren sich sehr viele weitere transatlantische Dialoge, die die Philosophie an ihrem Wendepunkt zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg befruchteten. Eine ganz besondere und noch weitgehend unerschlossene Verbindung stellt der Einfluss des Wiener Kreises, die Schriften Ludwig Wittgensteins und Rudolph Carnaps, speziell aber Langers noch wenig erforschten Kontakte zu Herbert Feigl,[8] und möglicherweise Moritz Schlick, dar. Beide Philosophen bewegten sich in den 1930er-Jahren zwischen Europa und den USA und hielten sich in Harvard auf, das in den 1910er- und 1920er-Jahren als Hub der analytischen Philosophie galt. Langer verbrachte ihrer Studienzeit inmitten dieses lebendigen philosophischen Treibens, und obwohl sie als Frau keine Harvard-Absolventin sein konnte, initiierte sie wichtige philosophische Diskussionen im Rahmen eines eigenen privaten philosophischen Zirkels, dem Langer-Zirkel.[9] Dieses Engagement machte sie dann auch jenseits des Atlantiks zu einer bekannten Philosophin, denn ihr Buch The Practice of Philosophy (1930) machte unter den logischen Empirist*innen in Wien die Runde. Ein Exemplar der seltenen Erstausgabe befindet sich heute noch in der Bibliothek der Philosophischen Fakultät der Universität Wien.

Dieses Forschungsprojekt beleuchtet die transatlantischen Verbindungen der amerikanischen Logikerin zu ihren Kolleg*innen in Wien.


[1] Max Rieser, „The Semantic Theory of Art in America“, The Journal of Aesthetics and Art Criticism, vol. 15, Nr. 1 (September 1956): 12.

[2] Antonio Damasio, The Feeling of What Happens: Body and Emotion in the Making of Consciousness (San Diego: Harcourt Brace, 1999), 287.

[3] Langer Forscherin Adrienne Dengerink Chaplin beschreibt in ihrem Buch die wesentlichen Gründe für Langers Unsichtbarkeit im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen und vergleicht die 1926 graduierte Langer mit Willard V. Quines Bildungs- und frühem akademischem Karriereweg nur vier Jahre später, 1930. Die akademischen Schritte, das Forschungsgebiet und die Leistungen der beiden waren vergleichbar. Der entscheidende Unterschied war, dass Langers bahnbrechende Schriften über die Grundlagen der Logik von ihren Zeitgenossen weitgehend ignoriert wurden. Ihre unkonventionelle Auffassung des Symbols wurde nicht als interessanter Beitrag zum konventionellen positivistischen Ansatz anerkannt, sondern als „natürliche Verwirrung“ der weiblichen Kollegin gewertet. Vgl. Dengerink Chaplin, „Philosophy and women“, The Philosophy of Susanne Langer, 51–53.

[4] Vgl. Susanne K. Langer, Philosophy in a New Key. A Study in the Symbolism of Reason, Rite and Art (New York: New American Library, 1954), 64.

[5] Vgl. Langer, Philosophy in a New Key, 66–70. Eine detaillierte Besprechung Langers Verhältnis zu Wittgenstein findet sich in Dengerink Chaplins Kapitel 7 in The Philosophy of Susanne Langer, 133–156. Sowie in „Scientific Models and Artistic Images: Susanne K. Langer and the Early Wittgenstein“, The Bloomsbury Handbook of Susanne K. Langer, 35–48.

[6] Carnap war von der jungen Philosophin beeindruckt und listet ihren Namen unter denjenigen Kolleg*innen, mit denen er gerne zusammenarbeiten würde, wenn er ein Rockefeller-Stipendium für die USA erhalten würde. Vgl. Sander Verhaegh, „Susanne K. Langer and the Harvard School of Analysis“, The Bloomsbury Handbook of Susanne K. Langer, 27. Langer unterhielt auch Briefkontakt zur Edmund Husserl und besuchte ihn während einer Europareise am Schluchsee 1933. Vgl. Rolf Lachmann, „Susanne K. Langer’s Foray into Art as a ‘Phenomenology of Feeling‘“, The Bloomsbury Handbook of Susanne K. Langer, 95.

[7] Susanne K. Langers Dissertation, „A Logical Analysis of Meaning“ (Ph.D diss., Radcliffe College, Cambridge, MA, 1926), erwähnt Reinhold F. A. Hoernlés Aufsatz „Plea for a Phenomenology of Meaning“, der 1921 als einer der ersten Ansätze zur Systematisierung der Bedeutung von Bedeutung (the meaning of meaning) publiziert wurde. In ihrer Dissertation knüpfte Langer vornehmlich an die frühen Untersuchungen von Frege, Peirce, Lady Welby, Husserl und Meinong an, um eine angemessene Grundlage dieser Disziplin zu definieren.

[8] Sander Verhaegh, „Susanne K. Langer and the Harvard School of Analysis“, 27.

[9] Feigl erwähnt in Briefen an Schlick die regelmäßigen Treffen mit der Philosophin von der Radcliffe University, bei denen, wie beim Wiener Kreis, über Logik und Philosophie diskutiert wurde. Vgl. ebenda.

Gefördert von der Stadt Wien Kultur (Stipendium MA 7 – 1175963/2023).